Else von Országh 2012 - Der Abschied einer großartigen Persönlichkeit

 

 

Else von Országh

 

  • Eine wunderbare Frau, die dieses Denkmal verdient 

 

  • * November  1922

 

  • † 23.09.2000

 

 

 

 

 

 

 

 

Der traurige Abschied ... 23. September 2000

 

Deinem letzten Tag auf dieser Welt ist ein langer Leidensweg vorangegangen... Die Ärzte sprachen von sehr vielen Grunderkrankungen, die Dir Dein Leben von Jahr zu Jahr schwerer machten. Die heimtückischste von allen war der Diabetes! Ich erinnere mich noch zu gut daran, als mir ein Arzt im Krankenhaus einmal sagte:"Die meisten verkennen diese Erkrankung - doch sie ist der schleichende Tod." Aber ich möchte hier nicht Deinen Krankheitsverlauf schildern - das, was ich da an Ärztefusch und schlimmsten Versäumnissen erlebt habe, und viele Male Gott sei Dank vereiteln konnte, würde ein dickes Buch füllen. Nur soviel - Wenn ich nicht wie ein Lux auf Dich aufgepasst hätte, wärst Du schon viele Jahre vorher "aus Versehen" - einfach so - verstorben.

 

So kann ich nur allen Angehörigen den dringenden Rat geben: ÜBERWACHT JEDEN SCHRITT, JEDES HANDELN, JEDE UNTERSUCHUNG MIT ARGUSAUGEN - HINTERFRAGT ALLES, WAS AN EUREN LIEBSTEN BEHANDELT WERDEN SOLL!!! ÜBERLASST DIE EUCH ANVERTRAUTEN MENSCHEN BITTE NICHT IHREM SCHICKSAL!!!

 

Du hast auf bewundernswerte Weise Dein Leid angenommen, Dich nie beschwert - immer nach Deiner Devise: "es nützt ja nichts, wenn ich mich aufrege - das macht es doch nur noch schlimmer."

 

Deine letzten Lebenswochen hatten wir das Glück, dass Du bei uns zu Hause wohntest. Wir hatten Dich endlich dazu überreden können. . All die Jahre zuvor hast Du uns diesen Wunsch verwehrt. Du wolltest verständlicherweise lieber in Deinem Haus bleiben. Irgendwann - Du warst leider mal wieder ins Krankenhaus gekommen -  startete ich erneut einen Versuch und fragte Dich: "Mama, möchtest Du nicht doch lieber zu uns ziehen - wir - die Kinder und ich würden uns so sehr darüber freuen - wir möchten Dich doch bei uns haben." Ich war überrascht und gleichzeitig überglücklich, als ich Deine Antwort hörte: "Ihr würdet Euch wirklich darüber freuen? - Ja dann mach ich das jetzt auch mal." Also haben wir in Windeseile Dein Zimmer mit Deinem Sachen genauso eingerichtet, wie Dein Wohnzimmer zu Hause und holten Dich zu uns.

 

Viele Male hatte ich mit aller Macht mit Dir gemeinsam um Dein Leben gekämpft, mit meinem unerschütterlichen Optimismus Dich dazu bewogen und oft beschworen, an Deinem Leben weiter festzuhalten - immer meinem stärksten Wunsch folgend, Dich bloß nicht zu verlieren. Ich wusste, dass dieser Schmerz unerträglich sein würde und ich hatte eine höllische Angst vor diesem Abschied.

 

In der Nacht des 23.09.2000 hast Du Deine Augen für immer geschlossen. Es hat mich schier zerrissen. Es stirbt ja nicht die "kranke Mutter", die dann von ihrem Leiden erlöst wird - NEIN - es stirbt DIE MAMA und man sieht sich in diesem Moment als das kleine Kind, das von der Hand seiner Mama weggerissen wird. Man kann sich darauf auch nicht vorbereiten - auch wenn man noch so sehr weiß, dass es bald soweit sein wird.

 

Einen Tag vorher hattest Du einen sehr schlimmen Schlaganfall erlitten. Es war Dein dritter. Ich fand Dich morgens früh in Deinem Bett - nicht mehr ansprechbar - Krankenwagen und Notarzt - Klinik - alles ging so furchtbar schnell. Diesmal war es in meinem tiefen Empfinden anders als sonst. Habe ich die Male vorher doch nie geweint, sondern alles delegiert und gemanagt - funktioniert, so schaute ich jedoch dieses Mal mit tränengefüllten Augen dem Krankenwagen nach - schlich wie betäubt ins Haus zurück.

 

Wenn ich tief in mich hineinhöre, wusste ich da schon, dass Du dieses Mal dem Tod nicht mehr entrinnen kannst. Ich fühlte es, und doch wollte ich es nicht wahrhaben. Ich war voller Angst, als ich zum Krankenhaus fuhr.

 

Angeschlossen an zig Apparate - Schläuche, die in Deinen Körper führten. Obwohl Du im Koma lagst, ging Dein Herzschlag höher, als ich Dein Zimmer betrat und mit Dir sprach.

 

"Hallo, meine Mama... ich weiß, dass es dieses Mal schlimmer ist, als sonst. Ich habe solche Angst um Dich" - - - Mit tränenerstickter Stimme hauchte ich weiter: "Mama, ich möchte Dir jetzt etwas Wichtiges sagen - Ich habe Dich vorher immer angefleht, zu bleiben - und das, weil ICH es nicht ertragen konnte, Dich zu verlieren. Ich wollte Dich behalten - und es ging mir dabei um MICH, weil MEIN Schmerz so groß sein würde, und meine Angst mich schier zerriss, wenn ich daran auch nur dachte, ohne Dich sein zu müssen. Ich habe nicht das Recht dazu, Dich festzuhalten und Dein Leid damit zu verlängern, Mama. Und möchte ich Dir jetzt sagen: wenn Du diese Welt lieber verlassen möchtest, dann lass ich Dich jetzt auch los - mach Dir keine Sorgen um mich - ich verspreche Dir, ich werde das aushalten.. weil ich Dich so sehr liebe."

 

Lange Zeit blieb ich noch still an Deinem Bett sitzen, bis ich irgendwann leise ging. Ich bin sicher, dass Du mich gehört hast - meinen Worten gefolgt bist. Es war sehr wichtig auch für mich, Dir das gesagt zu haben.

 

In der kommenden Nacht am Samstag, den 23.09.2000 bist Du von uns gegangen. Als ich den Anruf aus dem Krankenhaus erhielt, verlor ich meine sämtliche Fassung - schnappte mir meinen Hund Momo an die Leine und lief stundenlang durch die Nacht. Ich weinte - fragte den lieben Gott, was ich nun tun soll - wie ich es schaffen kann, das auszuhalten. Es war einfach schrecklich!

 

Es hörte auf in dem Moment, als ich DICH fragte! Mir fielen Deine Worte ein, die Du mir als kleines Kind mal mit auf meinen Weg gegeben hattest: "Beate., wenn Du mal nicht weißt, was das Richtige ist, was Du nun tun sollst, dann frag' Dich einfach: Was würde Mama jetzt sagen, wenn Du sie fragen könntest." Und da hatte ich meine Antwort... Im Geist hörte ich Deine Stimme: "Beate, glaub mir, der Schmerz, den Du jetzt fühlst, wird wieder nachlassen und es wird eine Zeit geben, die Dich ohne tiefe Trauer an mich denken lässt. So werde ich in Deinen Gedanken und in Deinem Handeln weiter leben. Ich weiß, Du wirst das schaffen, damit umgehen zu können." Ab diesem Moment wurde ich ruhiger.

 

Als ich nachhause kam, fiel mir was siedend heiß ein. Du wolltest auf keinen Fall jemals opduziert werden. Ich sollte SOFORT dafür sorgen, dass man Dich, wenn Du mal im Krankenhaus sterben solltest, dort wegbringt. Ich war ca. 8 Jahre alt, als Du mir das sagtest, aber Du hast mir das so eingebläut, dass ich es nicht vergessen konnte. Dein eigenes Erlebnis, was damals mit Deiner Mutter geschah, als sie starb, hat Dich dazu gebracht. Ihr wurdet von den Ärzten im Krankenhaus gefragt, ob man Deine Mama nicht vielleicht zu Studienzwecken für die Studenten der Medizin opduzieren dürfte. Ihr habt das klar verneint. Der Körper Deiner Mutter sollte nicht unwürdig als Schauobjekt gebraucht werden. Du hast es als entwürdigend empfunden, wenn Du Dir vorstelltest, dass man da vielleicht sogar noch seine Witzchen über den Toten reißen könnte. Von dem Bestatter hast Du nach der Beisetzung dann erfahren müssen, dass Deine Mutter gegen Deinen und ihren Willen doch geöffnet wurde. 

 

Wie ferngesteuert rief ich dann sofort bei Deinem Bestatter an, und veranlasste, dass er Dich dort sofort nach der "2 Stunden Frist" wegholte.

 

Suchte verzweifelt in meinem Kopf nach Aussagen, die Du mir irgendwann mal mit auf den weg gegeben hattest. Habe das, was ich wusste, beachtet - respektierte Deinen Willen bis über den Tod hinaus. Du wolltest auf den Hauptfriedhof - ein Grab sollte ich aussuchen, welches direkt an einem großen Baum liegt - Du liebtest Chopin - es wurde sein Klavierstück "Die Mondscheinsonate" während der Trauerfeier gespielt. Du mochtest Nussbaum - Dein Sarg war aus diesem Holz.

 

Ich ließ es mir nicht nehmen, Deine Trauerede zu schreiben - Der Redner wollte das zuerst nicht so vortragen, wie ich es vorbereitet hatte - wollte seinen eigenen Stil verwenden... NEIN - das ging gar nicht !!! Er hat sich dann schließlich gefügt - sonst hätte ich einen anderen ausgesucht, das hatte ich ihm deutlich klargemacht.

 

Der Redner trug Dein Leben vor...

 

...erzählte von Deiner ungeheuren Schaffenskraft - Deiner umfangreichen Bildung - Deinem enormen Ehrgeiz - Deiner Zielstrebigkeit - davon, dass Du oft bis spät in die Nacht gearbeitet hast - für Dein Geschäft und Deine Familie -

 

Die Widrigkeiten des Lebens mit Deiner Ausdauer bezwungen hast - Von Deinem immens starken Willen - Du schon als junges Mädchen wusstest, was Du willst und was nicht... 

 

Von Deiner großartigen Persönlichkeit die jeder sofort spürte, wenn Du den Raum betreten hast und doch sich niemand davon zurückgesetzt fühlte, weil Du es verstanden hast, Dich nur dezent und angenehm zu geben.

 

Ein sehr fröhlicher Mensch warst, du gern lachtest, aber ebenso gern auch sachlich über die Themen dieser Welt diskutiertest ... 

 

Dich gern auch auf neue Dinge und Sichtweisen eingelassen hast - ein Mensch warst, der über alles ausgiebig philosophieren konnte... fortschrittlich mit der Zeit mithielt, ohne sich selbst dabei zu verlassen... 

 

Nie aufgehört hast, dazu zu lernen und Dich weiter zu entwickeln.

 

Politisch und geschichtlich sehr interessiert geblieben bist. 

 

Sehr tolerant Deinen Mitmenschen gegenüber warst - viel mehr, als ich das je sein könnte. Dass Du Menschen niemals umformen wolltest, sondern ihre Individualität geachtet hast - und nur dann Abstand von Leuten nahmst, wenn ihre Motive nicht ehrlich waren oder sie anderen damit schaden wollten - dann aber auch mit einer unerbittlichen Konsequenz.

 

Für alle, die Dich kannten, immer eine gefragte Ansprechpartnerin warst, von der man wusste, Du hast immer einen guten Rat, auf den man aufbauen kann.

 

Ausgestattet mit einer sicheren Urteilskraft - was Du sagtest, hatte Hand und Fuß.

 

Überaus verstandesorientiert - aber auch mit viel Gefühl für die Menschen, die Dir nahestanden.

 

Von allen bewundert und geachtet für Dein großartiges und beachtliches Lebenswerk, was Du ALLEIN geschaffen hast.

 

Du vertrautest Deinen Fähigkeiten - Deinem Können und glaubtest an Dich - nur so konntest Du all das leisten...

 

Hast Dein Leben stets selbst in die Hand genommen - warst unermüdlich...

 

Du hast bewiesen, dass FRAU allein alles schaffen kann - und das als Frau einer Generation, die noch nach anderen Kriterien erzogen wurde -

 

Eine stolze Frau - ohne je arrogant zu sein.

 

Eine starke Frau, die sich für ihre Ideale einsetzte, die nach ihrer eigenen Moral lebte und handelte.

 

Eine wundervolle Mutter und Oma - deren Liebe immer nah war, ohne aufdringlich zu sein. Gelenkt und geleitet hat, ohne sie zu uniformieren oder gar brechen zu wollen. So konnte ich diese Erfahrungen an meine Kinder weitergeben.

 

Du Dich selbst zurücknahmst, wenn es um das Glück Deiner Lieben ging.

 

Mir und meinen Kindern stets vermittelt hast: "so, wie Ihr seid, seid Ihr gut - Ihr müsst Euch mir nicht angleichen - ich liebe Euch, so wie Ihr seid - bedingungslos." 

 

Die, die gern ihre Erfahrungen weitergab, nicht, weil Du Dich damit in den Mittelpunkt stellen wolltest, sondern einzig und allein deshalb, um uns unseren Lebensweg zu erleichtern. Sie sagte mir mal, "die Natur ist so wundervoll konzipiert - aber bei aller Großartigkeit und Durchdachtheit hat sie leider eines vergessen: Es ist schade, dass die Menschen ihre gemachten Erfahrungen immer wieder aufs Neu selbst machen müssen - viel besser wäre es, wenn diese direkt in den Genen bei der Zeugung weitervererbt würden. Die Menschheit wäre dann viel viel weiter und positiver entwickelt als sie es jetzt ist, und Fehler würden meist dann nur einmal begangen... "

 

Mama, Du hast Deinen Leidensweg mit so großer Geduld und immer wieder neuer Zuversicht ertragen und hast selbst in dieser schlimmen Zeit nicht mit Deinem Schicksal gehadert - Dich nie beschwert - hast uns bis zuletzt glauben lassen wollen, es ginge Dir gut...

 

Und wer jetzt denkt, ich hätte hier in meinen Ausführungen maßlos übertrieben --- NEIN - sie war wirklich genau so ... MEINE MAMA

 

Ich habe gelernt, mit Deinem Tod umzugehen - erzähle mit Freude viele schöne Geschichten aus Deinem Leben. Zitiere Deine Ratschläge - Deine Leitsätze - und gebe das gern an meine Kinder weiter, was ich von Dir lernen durfte. In diesen Gedanken bist Du lebendig und es geht mir dabei gut, wenn ich von Dir sprechen kann.

 

Und doch habe ich Deinen Tod noch lange nicht verwunden : Erst diesen Monat - fast 12 Jahre nach Deinem Tod, habe ich es erstmals geschafft, ALLEIN - ohne Begleitung - Dein Grab zu besuchen... konnte mit Dir unter Tränen  "mein Gespäch" führen...

 

Während ich an Deinem Grab mit Dir sprach, kam mir die Idee, Dir zu Ehren diese Internetseite zu gestalten, und ich bat Dich um Deine Erlaubnis. Ich kannte Deine Antwort - Du hättest ein wenig beschämt gelächelt, und mir dann gesagt: "Das willst Du für mich tun? - Da fühle ich mich aber sehr geehrt, mein Schatz. Wenn Du nicht zu intime Details aus meinem Leben preisgibst, habe ich nichts dagegen."

 

In tiefer Liebe

 

Deine Tochter Beate